Caritas Zürich Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden.
Unser Newsletter informiert Sie über aktuelle Projekte und Events von Caritas Zürich sowie Themen rund um Familienarmut im Kanton Zürich

Newsletter abonnieren

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Mehr Infos

Erwerbsbiografien entscheiden

04.10.2021
Ein Interview mit Isabel Martínez, promovierte Ökonomin, Konjunkturforschungsstelle (KOF), ETH Zürich
Interview: Roland Schuler

Frauen sind in der Schweiz noch immer einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Männer. Weshalb ist das so?
Scheidung und Alter sind statistisch gesehen die grössten Armutsrisiken. Frauen sind in beiden Lebenslagen stärker betroffen als Männer. Das hat in erster Linie mit den weiblichen Erwerbsbiografien zu tun. In unserer Gesellschaft sind diese geprägt von der Geburt von Kindern. Es wird auch von der «Mutterschaftsstrafe» gesprochen. Mütter kehren nicht mehr, in viel kleineren Pensen oder in Jobs mit geringerem Lohn zurück ins Erwerbsleben. Das führt zu höherem Armutsrisiko.
 
Wo sehen Sie Hebel, um dieses Risiko zu mindern?
Ein grosser Hebel wäre eine kostenlose, flächendeckende Kinderbetreuung. Eine solche müsste eine Grundinfrastruktur sein – wie Schienen und Strassen. Heute stehen viele Paare vor der Entscheidung: Soll die Frau mehr arbeiten? Oder lohnt sich das aufgrund der Betreuungskosten, die dadurch entstehen, nicht? Dabei zeigt die Forschung, dass für Mütter der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben für die ökonomische Absicherung sehr wichtig ist.
 
Bei der Kinderbetreuung wären auch die Väter in der Pflicht.
Sicherlich. Hier wäre eine Vaterschaftszeit förderlich – und zwar startend erst dann, wenn der Mutterschaftsurlaub endet. Das würde den beruflichen Wiedereinstieg von Müttern entscheidend fördern.
 
Welche Rolle spielt die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern?
Bei einem Paar verdient die Frau meist weniger als der Mann. Das ist nach wie vor so. Es macht für viele Paare daher ökonomisch Sinn, dass die Frau beruflich kürzertritt.
 
Müsste nicht auch hier angesetzt werden?
Ganz klar. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit sollte selbst- verständlich sein, keine Diskussion. Es gibt bei den Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern aber zusätzlich strukturelle Ungleichheiten in der Sozialisierung: Buben wird es noch oft leichter gemacht, einen gut bezahlten Ingenieursjob zu wählen, wohingegen Mädchen die schlechter bezahlte Option Kindergärtnerin nahegelegt wird. Da liegt noch ein Weg vor uns.
 
Sie fanden in einer aktuellen Studie* heraus, dass die Corona-Krise bestehende Ungleichheit verschärfte. Wie zeigt sich das?
Haushalte mit tiefen Einkommen haben in der Corona-Krise höhere Einkommensausfälle als finanziell besser Gestellte. Im Durchschnitt mehr als 20 Prozent gegenüber 8 Prozent bei besser Verdienenden. Sie mussten auch viel häufiger Erspartes auflösen. Viele verschuldeten sich gar.
 
Zeigen sich Geschlechterunterschiede in der Betroffenheit durch die Krise?
In der Corona-Krise stieg bei Frauen besonders die Mehrbelastung durch Homeschooling und Betreuung stärker als bei Männern. Frauen reduzierten auch ihre bezahlte Arbeit stärker als Männer. In Wirtschaftskrisen ist typischerweise die Exportwirtschaft mit klassischen Männerberufen betroffen. Anders in dieser Krise: Die Binnenwirtschaft mit Branchen mit hohem Frauenanteil wie Detailhandel oder Gastronomie ist ebenfalls stark betroffen. Gemessen an den Arbeitslosenzahlen sind Frauen jedoch nicht stärker betroffen als Männer.
 
Die Krise trifft die Ärmsten am stärksten. Mit Blick in die Zukunft: Was macht Ihnen da am meisten Sorgen?
Wer wenig verdient und in der Krise Erspartes aufbrauchen musste, kann nicht auf Knopfdruck etwas ansparen. In der nächsten Wirtschaftskrise droht ein Polster zu fehlen. Und wir wissen: Eine nächste Wirtschaftskrise kommt mit Sicherheit. Auch aus gesamtökonomischer Sicht birgt fehlendes Polster ein Risiko: Wenn die Menschen genug Geld haben, um die Binnennachfrage zu gewährleisten, kann diese bei Krisen dämpfend wirken.
 
* KOF-Studie zu Corona und Ungleichheit in der Schweiz, Suchbegriff «Corona und Ungleichheit»: https://kof.ethz.ch
Dr. Isabel Martinez
Dr. Isabel Martinez Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie bei Steuerfragen. Sie ist Mitautorin der KOF-Studie zu Corona und Ungleichheit in der Schweiz.


Bild: Florian Bachmann