20'000 Kinder stehen im Abseits

(10.01.2012)

Armut grenzt Kinder aus, ein Leben lang. Weil die soziale Mobilität in der Schweiz gering ist, wird auch Armut vererbt. Wer arm ist, wird hier selten reich. Für 20'000 Kinder im Kanton
Zürich hat dies weitreichende Konsequenzen: Sie können nicht mit ihren Kameradinnen und Kameraden mithalten und stehen im Abseits. Caritas Zürich will das ändern und fordert von Politik und Verwaltung entsprechende Massnahmen.

Offensichtlich genügen bestehende familienpolitische Rahmenbedingungen nicht, um die Kinderarmut in der Schweiz zu verringern. Arme Kinder sind ausgeschlossen und haben nicht die gleichen Chancen wie ihre besser gestellten Freundinnen und Freunde. Armutsbekämpfung und Armutsprävention müssen diesen Ausschlussmechanismen entgegenwirken. Von kantonalen Politikerinnen und Politikern sowie den Gemeinden fordert Caritas Massnahmen zur Existenzsicherung einerseits und solche zur Chancengleichheit andererseits. Beide sind notwendig, um die Vererbung von Armut zu durchbrechen. Die Erwerbsarbeit von Eltern muss erleichtert, günstiger Wohnraum für Familien gefördert werden. Es braucht Ergänzungsleistungen für Familien sowie den Ausbau von Betreuungs- und Bildungsangeboten. Nur so haben armutsbetroffene Kinder die Chance, aus dem Abseits zu treten und mit ihren Freunden wieder mithalten zu können. Verschiedene Caritas-Projekte wie die KulturLegi, der Caritas-Markt oder die Sozialberatung helfen ihnen schon heute dabei.

Kinderarmut existiert
Im Kanton Zürich sind rund 20'000 Kinder von Armut betroffen – das enstspricht ungefähr 1'000 Schulklassen. Sie leben in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind oder zu den «Working Poor» gehören. Kinder, die von Armut betroffen sind, leiden nicht nur daran, dass ihre Familien zu wenig Geld haben. Auch weniger gesundes Essen, prekäres Wohnen, uncoole Kleider belasten sie. Dadurch verlieren sie an Selbstwertgefühl; oft entwickeln sie Schulschwächen und verwenden ihre Energie hauptsächlich dazu, den familiären Zusammenhalt zu sichern und von ihren Freunden nicht ausgeschlossen zu werden. Für die Entwicklung der Kinder ist die soziale Herkunft besonders wichtig, denn nicht nur Reichtum, sondern auch Armut wird vererbt. Arme Eltern haben weniger Zeit für ihre Kinder und können sich weniger Betreuungs- und Bildungsangebote leisten. Die Chancen für Arme, aufzusteigen, und die Risiken für Reiche, sozial abzusteigen, sind in der Schweiz gering. Das belegt unter anderem der «Sozialalmanach», den Caritas im Dezember 2011
herausgegeben hat.

«Das ist nun mal unser Budget…»
Armut, sagt Mutter Sofia Okeye, sei für ihren Ältesten ein grosses Thema: «Er schämt sich.» Wenn sie jeweils im Caritas-Markt einkaufen gehe, kommt Daniele nicht mit. Es mache ihn wütend, dass sie nicht wie andere zu Coop oder Migros gehen können. Dann sagt seine Mutter jeweils: «Hör mal, das ist nun mal unser Budget. Es gibt Leute, die trifft es sehr viel härter.» Sofia Okoye ist italienisch-schweizerische Doppelbürgerin. Sie arbeitet zu 50 Prozent in einer Kosmetikabteilung. Sofias Mann stammt aus Schwarzafrika. Er ist es gewohnt, mit wenig auszukommen. Sofia nervt das, besonders wenn sie den Kindern nicht das gewünschte Essen kaufen kann. «Aber», fügt sie gleich an, «Hauptsache, die Kinder sind gesund und machen eine gute Ausbildung, damit sie vielleicht einmal einen besseren Job finden als ich.»

Bildung und Freizeit sind zentral
Bildung und Erziehung finden nicht nur in der Schule oder im Elternhaus statt. Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen Kinder und Jugendliche mit ausserschulischen Aktivitäten. Vereine, Freunde und Familienausflüge tragen wesentlich zur Integration in unsere Gesellschaft und auch zur Entwicklung von Interessen und Fähigkeiten bei. Darum ist Sofia Okeye sehr wichtig, dass ihre Kinder ein Hobby haben. Daniele spielt in einem lokalen Fussballclub mit, er ist Mittelfeldspieler. Kürzlich hat er den Verein gewechselt. Nun braucht er einen neuen Trainingsanzug und immer mal wieder neue Fussballschuhe. Auch die Clubmitgliedschaft kostet. Seine Schwester Sara geht in einen Akrobatikclub. «Megateuer» sei das alles, seufzt Sofia. Viele Leute kritisieren, sie gebe dafür zuviel Geld aus. Doch dieses Geld reue sie nicht. «Ich selber habe nie so ein Hobby haben dürfen,wir konnten uns das schlicht nicht leisten» – Freizeit ist teuer. Einmal mehr sind armutsbetroffene Familien benachteiligt und stehen abseits.


Weitere Infos, konkrete Projekte, Fallgeschichten, Bildmaterial und den «Sozialalmanach» finden Sie auf www.kinderarmut.ch. Gerne vermitteln wir Ihnen armutsbetroffene Familien und Expertinnen/Experten für ein Interview.

Kontakt:
Caritas Zürich, Ariel Leuenberger, Public Relations, 044 366 68 61, a.leuenberger@caritas-zuerich.ch, www.caritas-zuerich.ch


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